Münzfreunde erobern Wien: Ein numismatisches Highlight jagt das nächste

Münzfreunde erobern Wien:
Ein numismatisches Highlight jagt das nächste

von Armin Müller

Vom 6. bis 11. Oktober 2025 unternahmen die Numismatischen Gesellschaften der Bonner und Kölner Münzfreunde eine intensive numismatische Exkursion nach Wien, die das reiche, über Jahrhunderte gewachsene Erbe nicht nur der österreichischen Geldgeschichte beleuchtete. Die sechstägige Reise bot ein dichtes Programm aus Führungen, Fachvorträgen und dem Besuch zentraler numismatischer Institutionen, untermauert durch die Expertise führender Wissenschaftler und Fachleute.

Den Auftakt bildete am Montagabend ein gemeinsames Abendessen im „Kolarik im Prater“, einem Lokal, das die lange Tradition der Prater- Gastronomie der Familie Kolarik fortsetzt. Mit diesem schönen Auftakt war die durchgängig angenehme und wissbegierige Atmosphäre einer tollen gemeinsamen Exkursion gesetzt.

Eintauchen in Wissenschaft und Geschichte an der Universität und Münzstätte

Sven Martzinek begrüßt die Münzfreunde
Sven Martzinek begrüßt die Münzfreunde (vergrößern)

Die Fachexkursion begann am Dienstag mit einem Besuch im Institut für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien. Die Teilnehmer erhielten unter der Leitung von Lilia Dergaciova, einer Spezialistin für mittelalterliche und neuzeitliche Numismatik Südosteuropas, und Münzfreunde-Mitglied und Master-Student Sven Martzinek Einblicke in Europas einzige eigenständige universitäre Einrichtung dieses Fachgebiets. Die Gruppe konnte die wichtigsten Institutseinrichtungen besichtigen: die umfangreiche Bibliothek, die Münzsammlung von ca. 30.000 Objekten und die beeindruckende Numismatische Zentralkartei mit rund 1,5 Millionen Karten, die als bedeutendes Forschungsinstrument dient.

Das Kölner Numismatische Jahrbuch steht mit allen Jahrgängen im Zeitschriftenteil der Institutsbibliothek
Das Kölner Numismatische Jahrbuch steht mit allen Jahrgängen im Zeitschriftenteil der Institutsbibliothek (vergrößern)

Die Wiener Numismatik ist seit dem 18. Jahrhundert Bestandteil der universitären Lehre und international für ihre Forschungsarbeit bekannt. Seit 1965 besteht ein eigenständiges Institut, heute von Bernhard Woytek als Vorstand geleitet. Die Kölner Münzfreunde freuten sich, ihr Jahrbuch in vollständiger Reihung in der Bibliothek zu finden. Außergewöhnlich war, dass alle Sammlungsobjekte nicht nur in Augenschein genommen werden konnten: Münzen sammeln oder betrachten lebt von der Haptik, und so konnten die Objekte der bekannten Sammlung Josef Brettauer „Medicina in Nummis“ oder ein Fundkomplex vor allem habsburgischer Münzen mit mehreren Tausend Exemplaren des 17. und 18. Jahrhunderts selbstverständlich in die behandschuhten Hände genommen werden. Bei der intensiven Bearbeitung des Fundes durch das Institut wurde manche bisher unbekannte Kleinmünzen-Variante gehoben.

Das Thema von Hubert Emmerigs Vortrag – der Wiener Pfennig
Das Thema von Hubert Emmerigs Vortrag – der Wiener Pfennig (vergrößern)

Am Nachmittag desselben Tages stand ein fachlich hochkarätiger Vortrag von Hubert Emmerig in der Münze Österreich AG auf dem Programm. Der emeritierte Professor und Experte für mittelalterliche Geld- und Währungsgeschichte Mitteleuropas referierte über „Der Wiener Pfennig. Die Anfänge der Münzstätte Wien und des Wiener Pfennigs“. Sein Vortrag verband die Aura der über 800-jährigen Geschichte der weltweit führenden Prägestätte, die heute Euro-Umlaufmünzen und international anerkannte Anlagemünzen wie den „Wiener Philharmoniker“ produziert, mit den frühesten Zeugnissen der Wiener Münzproduktion im Mittelalter.

Schilling-Groschen-Apfel vor dem Stempelsaal der Münze Österreich
Schilling-Groschen-Apfel vor dem Stempelsaal der Münze Österreich (vergrößern)

Die Besuchergruppe war hoch erfreut, dass die Veranstaltung im Stempelsaal der Münze Österreich stattfinden konnte, wo auch die renommierte Österreichische Numismatische Gesellschaft regelmäßig tagt.

Dankbar empfingen die Teilnehmer als kostenfreie Gabe der ÖNG den Band 130 (2024) der Numismatischen Zeitschrift. Die Münze Österreich, die Tradition und Innovation verbindet, war ein lebendiges Beispiel für die Kontinuität des österreichischen Geldwesens und ist weltweit einer der wenigen Betriebe dieser Größenordnung, dessen Produktion immer noch im Zentrum einer Großstadt untergebracht ist. Bei einem anschließenden Empfang bestand die Gelegenheit, die Eindrücke des Tages und des Vortrags mit dem Referenten bei Wein, Wasser und „Brötchen“3 des bekannten Wiener „Buffets“ Trzesniewski zu vertiefen.

Von der Kaiserzeit bis zum Auktionswesen

Führung durch das mittelalterliche Wien mit Stadtarchäologin Ingeborg Gaisbauer
Führung durch das mittelalterliche Wien mit Stadtarchäologin Ingeborg Gaisbauer (vergrößern)

Der Mittwoch widmete sich der mittel­­alter­lichen Geschichte Wiens und deren verbliebenen Spuren im 1. Bezirk der Stadt. Ingeborg Gaisbauer von der Stadt­archäologie Wien nahm die Gruppe mit auf eine mittel­alter­liche Stadt­führung, beginnend bei der St. Ruprechtskirche, mutmaßlich einem der ältesten Kirchplätze Wiens. Ihre Expertise in der Archäologie war der Nährboden für eine Reise in die Geschichte, von deren Spuren jedoch aufgrund moderner Fehler bei Bauprojekten viel verloren gegangen ist. Deshalb bewegen sich viele vermeintliche Erkenntnisse über die Geschichte Wiens immer noch auf unsicherem wissenschaftlichem Boden – eine Mahnung dafür, mit historischen Artefakten und Bodendenkmälern sorgsam umzugehen.

Der Kölner 1. Vorsitzende Bernd Offermann dankt im Namen der Besuchergruppe dem Direktor des Münzkabinetts, Klaus Vondrovec
Der Kölner 1. Vorsitzende Bernd Offermann dankt im Namen der Besuchergruppe dem Direktor des Münzkabinetts, Klaus Vondrovec (vergrößern)

Im Anschluss besuchte die Gruppe die Münz- und Medaillen­sammlung des Kunsthistorischen Museums (KHM). Dort führte Klaus Vondrovec, Direktor des Münzkabinetts und Experte für antike Numismatik (u.a. für die Münzprägung der iranischen Hunnen), durch die Sammlung, die mit über 600.000 Objekten aus dreitausend Jahren Geldgeschichte zu den fünf größten Numismatik-Sammlungen weltweit zählt.

Die Sammlung geht auf das 16. Jahrhundert und die Bestände des österreichischen Kaiserhauses zurück und verdeutlicht die kaiserliche Sammelleidenschaft. Hier einige der ausgestellten numismatischen Schätze (nicht maßstabsgetreu; zum Vergrößern anklicken):

Blick in den Auktionssaal des Dorotheums
Blick in den Auktionssaal des Dorotheums (vergrößern)

Am Donnerstag stand das Geschäft mit den historischen Schätzen im Fokus: Malte Rosenbaum, numismatischer Experte für antike und neuzeitliche Münzen, und C. Sebastian Schmidt aus der Marketing-Abteilung präsentierten das renommierte Auktionshaus Dorotheum. Das 1707 von Kaiser Joseph I. gegründete Haus ist eines der ältesten Auktionshäuser der Welt und heute das größte in Österreich. Als wichtiger Treffpunkt für Sammler und mit jährlich rund 600 Auktionen auf mehreren Vertriebskanälen prägt das Dorotheum seit über 300 Jahren den europäischen Kunst- und Auktionshandel. Davon wird je eine große Münzauktion im Frühjahr und Herbst veranstaltet. Die Führung durch die numismatische Abteilung bot Einblicke in die Bewertung und Vermarktung numismatischer Objekte.

Besonders beeindruckt war die Besuchergruppe von der aktuellen Präsentation für die Saalauktion der „Alten Meister“ im großen Auktionssaal. Dessen Atmosphäre konnte die Gruppe bei Kaffee und erlesenem Gebäck nach der Führung auf der Empore noch weiter genießen.

Am Abend tauchte die Gruppe in die traditionelle österreichische Küche samt K.u.K.-Kitsch im Piaristenkeller ein, einem historischen Restaurant in einem über 300 Jahre alten Klosterkeller, der einst ein Treffpunkt für Offiziere der Kavalleriekaserne war. Und wer hätte gedacht, dass auch dort ein numismatischer Schatz zu heben war:

Anette Offermann (2. v.r.) präsentiert die Beethovenplakette
Anette Offermann (2. v.r.) präsentiert die Beethovenplakette (vergrößern)

Der Kölner 1. Vorsitzende Bernd Offermann konnte aus dem umfangreichen Fundus des Gastronomen zwei Beethoven-Gedenkstücke in Augenschein nehmen. Die Überraschung war groß, denn bei dem einen handelte es sich um eine großformatige, auf eine Holztafel montierte Bronzeplakette des bekannten Wiener Medailleurs Carl Stiasny aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

Hatte manch anderer aus der Gruppe im Wiener Münzhandel während der Woche neue Stücke für die eigene Sammlung ergattert, so war hier das Verhandlungsgeschick mit dem Oberkellner, der stellvertretend für den Eigentümer verhandelte, gefragt. Das Sammlerherz schlug hoch genug, sodass die Plakette am Abend erfolgreich den Eigentümer wechselte.

1.000-Unzen-Philharmoniker zu 100.000 Euro 2004
1.000-Unzen-Philharmoniker zu 100.000 Euro 2004 (vergrößern)
Erste Banknotenserie des Schillings 1925
Erste Schilling-Banknotenserie 1925 (vergrößern)

Moderne Geldgeschichte und gemütlicher Ausklang

Den Abschluss der Fachbesuche bildete am Freitag das Geldmuseum der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Andrea Zobernig, wissenschaftliche Mitarbeiterin und zuständig für die Sammlungsbetreuung, führte die Teilnehmer durch die beiden Ausstellungen. Das Museum verfügt über 15.000 Exponate, welche die Geschichte des Geldes von der Antike bis in die Moderne repräsentieren, und vermittelt anschaulich wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge. Es ist ein zentraler Ort für Bildung und Forschung zur Entwicklung des modernen Geldwesens. Im ehemaligen Kassensaal der Zentralbank wurden zeitgenössischen Kunstwerken der „Neuen Sachlichkeit“ die Entwürfe der Schilling-Banknoten der Ersten Republik gegenübergestellt.

Im Tresorraum wurde dies durch die Ausstellung „Es war einmal … DER SCHILLING“ mit vielen Münzen und anderen numismatischen Artefakten ergänzt. Staunend stand die Gruppe vor einer von zwanzig geprägten (und gefrästen!) Münzen zu 100.000 Euro aus der Philharmoniker-Serie. Die 1.000 Unzen Feingold haben derzeit einen Gegenwert von rund 4.000.000 US$!

Norbert Müller, Leiter des „Museums rund ums Geld“ in Xanten-Waardt und auf den Teilnehmerplatz eines Bonner Mitglieds in die Reisegruppe nachgerückt, setzte mit einem Besuch des Spardosenmuseums der Ersten Sparkasse („Erste Group“) und der Ausstellung zum „Sparefroh“ noch der Numismatik artverwandte weitere Programmpunkte um.

Ulrich Heide als Experte für das venezianische und Armin Müller als Experte für das ungarische Münzwesen konnten auf Vermittlung von Sven Martzinek anschließend bei einem Mittagessen mit dem Münzhändler Christian Niederhuber (Numisart) einen Teil einer Auktionseinlieferung exklusiv einsehen. Die Sammlung lag etwa 50 Jahre unberührt bei den Erben des Sammlers. Es war spannend, als Erste die Einlieferung in karteiartig gefüllten Zigarrenkisten, jede Münze einzeln in ein transparentes Kunststofftütchen verpackt, so durchzusehen, wie der Sammler sie damals für sich angelegt hatte. In welchem Zuschnitt die teils bestens erhaltenen Kleinmünzen auktionsmäßig Verwertung finden werden, bleibt abzuwarten.

Die Exkursions-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer im Melker Stiftskeller
Die Exkursions-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer im Melker Stiftskeller (vergrößern)

Auch der abschließende Abend bot reichlich Gelegenheit zum gemein- samen Austausch in traditionell-österreichischem Ambiente im Melker Stiftskeller. Dieser Weinkeller ist Teil des 1438 vom Stift Melk erworbenen Melker Hofs und zählt zu den ältesten bewirtschafteten Kellergewölben Wiens, bekannt für seine Wiener Küche.

Die Exkursion, organisiert von den Münzfreunden aus Bonn und Köln, war ein voller Erfolg und bot eine einzigartige Zusammenschau aus universitärer Forschung, Museums- und Sammlungsarbeit, historischer Kontextualisierung und dem numismatischen Markt. Wien bestätigte seine zentrale und traditionsreiche Rolle als internationaler Knotenpunkt für das Fachgebiet Numismatik.

Und ganz nebenbei hat die Exkursion die Mitglieder der benachbarten Vereine einander nähergebracht. Es wurden sehr viele numismatische Erfahrungen ausgetauscht und nette Gespräche geführt. Die Vorsitzen- den Ulrich Heide und Bernd Offermann konnten resümieren, dass die mit viel Herzblut durch Sven Martzinek (und die beiden Vorsitzenden) organisierte Reise mit der Gruppe sehr harmonisch war und sich alle Teilnehmer durch große Pünktlichkeit bei den vielen Veranstaltungen hervorgetan haben. Die nächste große Exkursion – geplant ist Berlin als Ziel – kann kommen!


Der Autor dankt ausdrücklich Herrn Sven Martzinek für die Möglichkeit, aus dessen Exkursions-Programmheft die Informationen zu den besuchten Institutionen und den Personen verwenden zu können, welche die Reisegruppe in all diesen Institutionen fachkundig, interessiert, freundlich und offen betreut, empfangen und mit vielen Informationen versorgt haben. Der hier in ähnlicher Form und mit teilweise abweichender Bebilderung versehene Beitrag erschien erstmals im Numismatischen Nachrichtenblatt, Ausgabe Januar 2026, 75. Jahrgang, S. 15–17.